Warum machen wir nicht das, was uns glücklich macht?

von | 18.05.2020 | Biografie, Herzensräume | 2 Kommentare

Ilona hat einen Lebenstraum: Einmal mit dem Pferd durch die Rocky Mountains zu reiten! Immer wenn sie auf diesen Herzenswunsch zu sprechen kommt, rutsche ich im Sofa etwas tiefer: Oh, nein – lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Sofort taucht bei mir wieder ein Kindheitstrauma auf und ich kann spüren, wie mich als kleiner Junge ein riesiges Pferd aus dem Sattel warf: Einmal und nie wieder! 

Foto: Shutterstock

Mit dem Pferd durch die Rocky Mountains? Nein, danke!

Doch Ilona gibt nicht auf, nimmt Reitstunden und wir beide machen einen Deal, ein Gentleman-Agreement: Ok, ich fliege mit – muss aber nicht reiten. Während Ilona auf dem Pferd ihren Traum lebt, habe ich die Freiheit, genüsslich zu lesen. Gesagt, getan: Gemeinsam fliegen wir nach Calgary und fahren dann mit dem Mietwagen direkt zu einer Pferderanch in den Rocky Mountains. Es ist ein heißer Tag. Ein kurzer Lunch, dann geht es zu den Pferden. Die Rancher stellen uns die Pferde vor: Wally und Seak. Ich habe ziemlich Respekt vor den beiden Quaterhorses, doch Ilona ein Versprechen gemacht: Auch ohne Reitstunden will ich zumindest am ersten Tag mit ihr einen Ausritt versuchen.

Im Flow der Emotionen

Dann geschieht das für mich Unfassbare: Mit einem Schwung sitze ich im Sattel, Ilona ist überrascht, wie schnell ich meinen Platz eingenommen haben. Eine kurze Einführung, schon traben wir beide los. Zugegeben: Ich halte mich noch krampfhaft am Sattelknauf fest, um nicht gleich auf den ersten Metern wieder zu Boden zu gehen. Doch mit jeder Minute weicht meine Anspannung und setzt unglaubliche Mengen von Endorphinen frei. Wir reiten durch unberührte Wälder und an Flüssen entlang, vorbei an majestätischen Bergen. Was für ein gigantisches Glücksgefühl. Ich fühle mich wie in einem Western: Winnetou, der Held meiner Kindheit, und Old Shatterhand – dazu ein atemberaubendes Panorama in Cinemascope. Ilona strahlt mich an, ich habe Mühe, meine Emotionen in Worte zu fassen. Bereits am ersten Abend ist klar: Ich habe Feuer gefangen, kann kaum erwarten, bis der neue Tag beginnt und unser gemeinsames Reitabenteuer weitergeht.

Vertane Chancen – verpasstes Glück

Bei diesem Erlebnis in den Rockies wird mir bewusst, was mit dem Spruch gemeint ist: „Dich muss man zu Deinem Glück zwingen!“ Obwohl ich ein sehr neugieriger Mensch bin, blockieren mich mitunter negative Erfahrungen aus der Vergangenheit. Jede Einladung zu einem kleinen oder großen Abenteuer ist immer auch ein kleiner Tod: Ich entscheide mich, die Erlebnisse von gestern zu begraben und eine neue Erfahrung zu wagen. Es ist ein Aufbruch zu neuen und unbekannten Ufern, die mitunter auch Angst machen, weil wir nicht wissen, was uns dort erwartet.

Den größten Aufbruch unseres Lebens haben Ilona und ich gerade hinter uns: Mit 57 Jahren noch einmal bei Null anzufangen. Alles Vertraute, das uns Sicherheit gibt, zu verlassen. Neues Land zu erkunden, zwei neue Firmen zu gründen, neue Seminare zu entwickeln. Bis heute wissen wir nicht, ob dieses neue Abenteuer gelingt. Doch mit dem tiefen Traum in unseren Herzen haben wir uns auf diesen Weg eingelassen und bis heute nicht bereut. Uns ist beiden bewusst: Wir haben diese eine Chance, die wir auf keinen Fall verpassen wollen. Selbst wenn wir scheitern sollten, wollen wir dieses Abenteuer nicht missen.

Das Glück der Freundschaft

Neben dem finanziellen Risiko, das bei jedem neuen Weg dazu gehört, spielen die Menschen eine zentrale Rolle: Gelingt es, neue Beziehungen, neue Freundschaften aufzubauen? Ilona und ich sind sehr glücklich, dass wir in Nordhessen herzlich aufgenommen wurden. Ob in der Nachbarschaft oder im Dorf-Chor – immer sprühen uns positive Funken entgegen. Gestern Morgen wurden wir von einer Runde von Pfarrern zum Kaffee und zum Gebet eingeladen und abends von einem netten Ehepaar zum Grillen: Astrid und Gero haben ein leckeres Barbecue zubereitet und wir haben uns bis Mitternacht intensiv ausgetauscht und gelacht. Nach einem langen Tag fielen wir weit nach Mitternacht glücklich ins Bett. In diesen Momenten wird mir bewusst, dass es die Menschen sind, die für mich Heimat bedeuten. In 16 Monaten hat sich um uns herum ein Netzwerk von Beziehungen entwickelt, das mir das Gefühl gibt, in meinem neuen Zuhause angekommen zu sein. 

Ich spüre, wie wichtig es war, die Vergangenheit hinter mir zu lassen, und bin zutiefst dankbar für die positiven Erfahrungen in Limburg und der Mitte Hessens. Doch jetzt geht es darum, meine ganze Aufmerksamkeit der Zukunft zu widmen. Solange ich noch immer das Gestern mit dem Heute vergleiche, verpasse ich den Augenblick und damit auch mein Glück. 

Mut, etwas Neues auszuprobieren

Mit dem Umzug habe ich eine weitere Entscheidung getroffen: Ich will mich wieder stärker der Portraitfotografie widmen. Vor 30 Jahren habe ich sehr viele Fotos gemacht, dann kam eine lange Pause, jetzt wage ich einen Neuanfang. Das Analoge war gestern, im Digitalen bin ich noch unerfahren. Deshalb habe ich erst kürzlich bei einem Workshop mit einem Fotografen und zwei Modellen einen ganzen Tag verbracht: In einer alten leerstehenden Jugendstilvilla habe ich mit einer neuen Digitalkamera mein Glück probiert: Der Meister hat mir als Gesellen gezeigt, worauf es bei der Schwarz-Weiß-Fotografie ankommt. Entscheidend ist, den Augenblick nicht zu verpassen, in dem sich die Seele öffnet.

Der „Kairos“ ist in der Portraitfotografie der entscheidende Moment. Manchmal ist nur ein Wimpernschlag, der über die Meisterschaft eines Bildes entscheidet. Gemeinsam diskutieren wir über meine Aufnahmen. Von den 500 Bildern kommen 100 in die nähere Auswahl. Davon bleiben zum Schluss zwölf, die wirklich den Tag überdauern. Ich freue mich auf die kommenden Wochen, um auch beim Fotografieren eine neue Form der Achtsamkeit zu trainieren. Mich beschäftigt dabei ein Zitat von Meister Eckhart, dem Lehrmeister der Gelassenheit: „Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart. Der bedeutendste Mensch ist immer der, der dir gerade gegenübersteht. Das notwendigste Werk ist stets die Liebe.“


Rainer Wälde

Rainer Wälde liebt es, durch Filme, Bücher und Vorträge seine Zuhörer in ihrer Originalität zu ermutigen.
In seinem wöchentlichen Blog erzählt er ihre Geschichten.

www.rainerwaelde.de

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2 Kommentare

  1. Wow, coole Geschichte, das mit dem Reiten in den Rocky Mountains. Ich saß zum ersten Mal auf einem Pferd im australischen Busch. Das ist schon ein paar Jahre her. Das hat richtig viel Spaß gemacht.

    Übrigens, ich will mich hier mal kurz vorstellen. Und wechsle gleich mal ins DU. Meine Frau hat deine Frau auf der Bibelschule in Brake kennengelernt.

    Etliche Jahre später war sie bei uns in Rödermark (Rhein-Main-Kreis). Es gab Farb- und Stilberatung bei uns zuhause. Ich nahm auch teil, war richtig gut.

    Und jetzt beim Lesen kam mir der Gedanke: Nordhessen und Gutshof, vielleicht sollten wir da mal über ein Wochenende vorbeikommen. Muss ich nachher gleich mal meiner Frau erzählen.

    Gruß auch an deine Frau von meiner Frau (Irina Heini, damals auf der Bibelschule noch Lepp).

  2. Dank – toller Artikel!