Zug Knigge: Meine Telefonerlebnisse in der Bahn

„Wat is los?“ ruft der Mitreisende so lautstark in sein Handy, dass der ganze Zug mithören kann. „Dat jeht so nicht …“ poltert er los und fängt an, sich lautstark aufzuregen. Offensichtlich ist sein Gegenüber schwerhörig – oder schreit er nur deshalb so laut, weil er glaubt, dass sein Gesprächspartner ihn sonst aus dem fahrenden Zug nicht verstehen kann?

Die Ruh‘ ist hin.

Dabei fing die winterliche Reise im Zug von München nach Frankfurt so entspannt an: Etliche Mitreisenden hatten es sich gerade so richtig gemütlich gemacht: Lektüre ausgepackt, beim Service warme Getränke geordert. Wir fahren durch ein Bilderbuch-Bayern. Die vier Stunden könnten so schön sein – wäre da nicht dieser „rheinische Konflikt“ am Telefon, in den nun alle Mitreisenden zwangsläufig hineingezogen werden. Es ist ein Dialog in mehreren Akten. Das klassische Drama: Geschäftliche Probleme, unterschiedliche Ansprechpartner – Missverständnisse, Ärger, Wut – das ganze Theater.

Lautstarke Personal-Konflikte im Großraumwagen

Die Situation spitzt sich zu – als würde die Krise des Rheinländers nicht reichen: Vis-á-vis ergreift nun eine Business-Lady die Gunst der Stunde und ebenfalls zum Hörer. Bei ihr geht es um einen Personal-Konflikt, der gleichsam lautstark ausgetragen wird. Es dreht sich um Mitarbeiterführung, Kündigung – das ganze Programm und für den gesamten Großraum-Wagon klar und deutlich verständlich.

Einigen Mitreisenden wird es langsam zu bunt. Zwei Konflikte auf einer ICE-Bühne. Erst leise, dann immer klarer mault ein lesewilliger Reisender vor sich hin, schaut sich um, sucht nach Verbündeten. Die Krise weitet sich aus. Der Zugführer tritt auf. Reisende beschweren sich über die telefonischen Unsitten. Doch der Bahnbedienstete zuckt resigniert mit den Schultern. Kein Kommentar. Es wird Zeit, denke ich, dass die Bahn einen Zug Knigge veröffentlicht.

Warum nicht ungestört im Gang telefonieren?

Dann klingelt ein drittes Telefon. Der Geschäftsmann steht wortlos auf, führt demonstrativ sein Telefonat im Stehen – draußen vor der Glastür. Na es geht auch anders – signalisiert sein Blick den Störenfrieden. Doch die sind in ihrer Welt gefangen. Das telefonische Drama zieht sich weitere 45 Minuten dahin.

Ich träume derweil vom „Glück der Unerreichbarkeit“ und lese erleichtert, dass sich die Lufthansa entschieden hat, auf ihren Flügen weiterhin beim Telefonverbot zu belassen. Internetempfang ist künftig möglich, Telefonieren dagegen tabu. Der ganze Flieger als Riesen-Telefonzelle bleibt uns (vorerst) erspart. Wer seine Ruhe auf Reisen sucht, ist zumindest über den Wolken noch „off“.




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