„Knigge Regeln“ sind heute wieder in aller Munde. Weniger bekannt ist das Buch „Über den Umgang mit Menschen“, das Adolf Freiherr Knigge im 18. Jahrhundert bekannt gemacht hat. Benimmregeln und Etikettefragen spielen, anders als viele vermuten würden, in diesem Literaturklassiker eine untergeordnete Rolle.

Knigge Regeln

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Einstecktücher als Statussymbole

Das berühmte Knigge-Buch bietet praktische Lebensphilosophie im Geist der Aufklärung. Doch noch lieber als diesen Knigge möchte ich Ihnen einen seiner Nachfahren vorstellen: Moritz Freiherr Knigge, mit dem ich die Freude hatte, gemeinsam dem „Deutschen Knigge-Rat“ anzugehören.

Sein Buch „Zeichen der Macht“ handelt von der geheimen Sprache der Statussymbole. Dazu führte ich vor einiger Zeit einmal ein Interview mit ihm. Wir plauderten über Autos, Uhren, Maßanzüge, Schuhe, und dann fragte ich ihn, ob denn das Einstecktuch, das er an diesem Tag trug, auch ein Statussymbol sei. „Das scheint es zu sein“, kam schmunzelnd seine Antwort.

Dann erzählte er mir von einem seiner Freunde, der in einer Bank arbeitet. Dieser Freund sei ein erklärter Fan von Einstecktüchern, nur dürfe er die in der Bank nicht tragen. Warum denn das so sei, lautete meine Frage. Nun, das sei dort den Vorständen vorbehalten! Ein ungeschriebenes Gesetz der Hierarchie. Und weil dieser Freund nicht anecken wolle, halte er sich natürlich auch daran.

Diese kuriose Episode ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Noch Tage nach unserem Gespräch beschäftigte sie mich. Statussymbole, diese Zeichen der Macht, sind wirklich klein und subtil geworden, dachte ich mir. Noch vor 50 Jahren sah das ganz anders aus. Bestimmt kennen Sie den Film „Eins, Zwei, Drei“ von Billy Wilder.

Führungskräfte der alten Schule

Eine meiner Lieblingsszenen ist die, in der James Cagney als Mr. MacNamara, seines Zeichens Direktor von Coca-Cola Deutschland, vor der Coca-Cola-Zentrale in Berlin vorfährt, natürlich in einem dicken Ami-Schlitten, überall blitzendes und blinkendes Chrom, gelenkt von einem Chauffeur in Uniform und mit Kappe. James Cagney eilt dann durch das riesige Foyer, das ganz im Look der fünfziger Jahre gestaltet ist – schlichte Formen, viel Glas, viel Marmor –, und steigt in den Aufzug, um in den obersten Stock zu fahren.

Seine Mitarbeiter, ungefähr fünfzig sitzen im Vorzimmer des Direktors, immer vier in einer Reihe wie in der Schule, warten derweil schon auf ihn, und zwar in Alarmstimmung: „Der Herr Direktor kommt!“, schallt es durch die Reihen. Als der dann tatsächlich durch die Tür rauscht, springen alle wie auf Kommando auf und schlagen die Hacken zusammen. Als der Direktor brüllt „Sitzen bleiben!“ erwidern dies alle mit nochmaligem Hackenschlagen und setzen sich wieder hin.

In seinem Büro wartet dann Fräulein Wunder-Sekretärin Lilo Pulver im gepunkteten Kleid auf den Direktor und empfängt ihn wie einen Staatsgast. Sein Schreibtisch ist riesig und leer, der Rundumblick aus den Fenstern gigantisch, alle hören auf sein Kommando. Das waren doch noch Zeiten! Einstecktuch als Statussymbol? Mister MacNamara hätte laut gelacht. Und sich von seiner Sekretärin eine Zigarre reichen lassen.

Angela Merkel lebt Understatement

Eine Frau, die mit dieser Situation ganz und gar nach Art des Understatements umgeht, ist Bundeskanzlerin Angela Merkel. Haben Sie sie einmal in einer halbwegs alltäglichen Szenerie erlebt? Da kann man es nämlich spüren. Hier benimmt sich ein Mensch so normal wie möglich, trotz dieser unwirklichen und irgendwie absurden Situation, dass seine Sicherheit in einem sehr hohen Maß bedroht ist und er deswegen ständig Bodyguards um sich herum scharen muss.

Angela Merkel ist in solchen Situationen – beispielsweise wenn sie am Rande eines Gipfeltreffens privat einen Stadtbummel unternimmt – einfach ein ganz normaler Mensch. Sie ist unauffällig. Nur wenn man genau hinschaut, nimmt man sie überhaupt wahr. Die Sicherheitskräfte in ihrer Nähe benehmen sich ebenfalls so dezent, dass man sie nicht registriert.

Hier wird die deutsche Bundeskanzlerin bewacht. Sie ist eine Person, die das Ziel von Anschlägen sein kann, aber sie lässt sich das überhaupt nicht anmerken. Sie versucht, in dieser Ausnahmesituation größtmögliche Natürlichkeit zu leben. Mir imponiert das sehr.

Knigge Regeln: Charisma statt Status

Für mich bedeutet Identität, dass jemand weiß, wer er ist, wo er herkommt und wo er hinwill. Wer das weiß, ist mit sich im Reinen und muss nicht mehr um seine Identität kämpfen. Wer aber nach seiner Identität sucht, sie nicht findet und sie deswegen aus dieser inneren Not heraus an seinem Status festmacht, dem bleibt fast nichts anderes übrig, als materielle und immaterielle Symbole dieses Status vor sich herzutragen. Täte er dies nicht, wäre das letzte bisschen – künstlicher, aufgepfropfter – Pseudoidentität auch noch dahin. Und deswegen muss er auch so krampfhaft an diesen Symbolen festhalten.

Wer dagegen weiß, was seine Persönlichkeit ausmacht, was seine Talente sind, wo seine Stärken und Schwächen liegen, der kann mit diesen Talenten wuchern und sie auch bewusst einsetzen. Der kennt sich und lebt das ungekünstelt nach außen. Und die Außenseite einer starken, bewussten Identität ist Charisma – das, was andere Menschen viel mehr prägt, begeistert und beeindruckt als hochflorige Teppiche, Büros im 128. Stock oder fünf persönliche Assistentinnen. Charisma statt Status – auch das ist eine Formel des Understatements.

Echt sein wirkt ansteckend

Nichts ist erfolgreicher und ansteckender, als einfach nur „echt“ zu sein. Und nichts ist entspannender! Haben Sie darüber schon einmal nachgedacht? Wie anstrengend und mühsam es ist, Freunden, Partnern, Mitarbeitern gegenüber immer seinen Status symbolisieren vorleben zu müssen? Dem eigenen Abziehbild permanent gerecht werden zu müssen?

Lebensqualität ist definitiv etwas anderes, glauben Sie mir. Wenn ich meine wahre Größe lebe – egal, wie groß oder klein sie tatsächlich ist –, dann kann man mich nachts morgens um drei aufwecken und ich werde garantiert nicht aus einem Alptraum hochschrecken, in dem alle gerade herausgefunden haben, dass ich eigentlich nichts tauge. und noch weniger auf der Pfanne habe.

Dann muss ich auch im wachen Zustand keine Angst haben, dass irgendetwas über mich ans Tageslicht kommt, von dem ich nicht will, dass es ein Mensch weiß. Eine Pseudoidentität aufrechtzuerhalten, eine Fassade zu wahren, je nach Umfeld in eine andere Haut zu schlüpfen ist vor allem nur eines, nämlich energieraubend. Und hier geht es um kostbare Lebensenergie, nicht nur um Strapazen für ein paar Nerven!

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Rainer Wälde
Rainer Wälde gilt als „Deutschlands Knigge Experte Nr. 1“ (Management Circle) und ist Vorsitzender des Deutschen Knigge-Rats.
Auszug aus seinem Buch „Understatement“ (FAZ Verlag) www.rainerwaelde.de

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