Kurz vor meinem Geburtstag inspiriert mich ein Sprichwort aus Nigeria: „Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“ Ich bin meinen Eltern zutiefst dankbar, dass sie mir vor 58 Jahren das Leben geschenkt haben. Ihnen habe ich ein Großteil meiner Prägung zu verdanken, doch wenn ich genauer hinsehe, hat es ein „ganzes Dorf“ von Menschen gebraucht, um mich zu dem Mann zu erziehen, der ich heute bin.

Foto: Shutterstock

Wie habe ich meine Kindheit überlebt?

Ich bin ein Kind der 60er-Jahre: Damals wurde noch überall geraucht, in den Urlaub sind wir ohne Navi mit einer französischen Klapperkiste gefahren, nachmittags konnten wir stundenlang in der Wildnis spielen. Es gab kein Handy, keine Fahrradhelme, keine Helikoptermütter, die alles kontrollieren. Niemand sprach über Feinstaub und Dieselalarm und die ganzen Bedrohungen. Wir lebten unverplant und glücklich, bis die Kirchturmglocken läuteten und meine Freunde und mich zum Abendbrot riefen.

Auf dem Spielplatz gab es eine Rutsche, mehr nicht. Sie war dreckig, genauso wie das bisschen Sand, aber das störte uns nicht. Wir fuhren ohne Helm kopfunter, das rostige Eisen, der Beton waren gefährlich, aber das juckte nicht. Natürlich waren die Knie ständig irgendwo blutig, das fanden auch unsere Eltern normal. Ärger gab es nur, wenn die Klamotten beim Spielen kaputt gingen. Ansonsten rauften wir uns ganz ungestört, spielten Cowboy und Indianer – ohne dass irgendwelche Eltern uns beaufsichtigten. Ich glaube, dass hätte jeder in der Clique auch ziemlich peinlich gefunden. 

Geprägt haben mich als Kind vor allem die anderen Kinder: Mit Iris aus der Nachbarschaft habe ich das Rollschuhlaufen ausprobiert – ohne Knieschützer oder Helm. Meine erste Sandkastenliebe. Mit meinem Bruder habe ich an den Bahngleisen gespielt, in einer alten Tabakfabrik nach Stumpen gesucht und im Abfall einer Chemiefabrik bunte Strohhalme gesammelt. Über die Gefahren hat niemand von uns nachgedacht. Mal fiel einer von uns in den Dorfbach, dann zog ihn der Nachbar raus. Als mein Bruder von einem Auto angefahren wurde, waren auch gleich Nachbarn zur Stelle. Für einen Tag waren wir das Dorfgespräch, Gott sei Dank ohne größere Blessuren.

Die ersten Mentoren

Wichtig für meine Entwicklung waren sicherlich auch die Erzieher: Im Kindergarten und später in der Schule. Musikalisch konnten sie mir nicht helfen: Den Flötenunterricht habe ich bis heute in schräger Erinnerung. Doch an meinen Grundschullehrer Herrn Beha – ein unvergesslicher Name – förderte und forderte unsere Klasse ganzheitlich. Unvergesslich ist die Schulwanderung von unserem Dorf auf den höchsten Berg der Region. Als achtjähriger Junge kam er mir vor wie das Matterhorn. In aller Früh begann unsere Klasse mit dem Aufstieg über 1.000 Meter und wir waren stolz wie Oskar, als wir gemeinsam das Ziel erreichten. Auf dem Gipfel warteten keine Eltern auf uns und auch kein Bus – also wieder per pedes alle runter ins Tal. 

Wichtig für meine Entwicklung war auch die Sonntagschule. Während die Erwachsenen der Predigt folgten, reisten wir Kinder in fremde Kulturen. Die dramatischen Geschichten aus der Bibel waren grausam und Angst einflößend. Gleichzeitig haben sie meine Phantasie angeregt und meine Abenteuerlust gesteigert. Sporadisch kamen Missionare zu Besuch, die aus exotischen Ländern ihre Dias zeigten. Besonders eindrücklich fand ich die Berichte aus der Südsee und aus Papua-Neuguinea. Die Stammesrituale und Menschenfresser stimulierten meine nächtlichen Träume. Da unsere Familie in den 60er-Jahren keinen Fernseher hatte, bot jeder Reisebericht ein neues „Kino im Kopf“.

Neben den Lehrern und Missionaren spielte auch die Verwandtschaft eine zentrale Rolle: Die Schwester meines Vaters war die Einzige mit „Auslandserfahrung“. Nach dem Krieg hatte sie in der Schweiz als Dienstmädchen bei einer Fabrikantenfamilie den Haushalt geführt und mit ihrem Gehalt die Eltern und auch Geschwister subventioniert. Ihre Berichte und Kochrezepte kamen bei uns Kindern gut an. Zwar hatte die Tante kein Bad in ihrer Wohnung und musste sich morgens immer am Spülbecken in der Küche waschen, doch ihre Rüblitorte und die Schweizer Geschichten sind mir bis heute in Erinnerung. Bei ihr wurde nichts weggeworfen, und wenn Besuch kam, wärmte sie den Kaffee vom Morgen nochmals auf. 

Wenn Papa die Kirchturmfassade hochklettert

Überhaupt: Unsere Familie liebte Geschichten. Bei jeder Gelegenheit wurde erzählt, gelacht und auch gefeixt. Mein Vater hat bis zu seinem Tod verschmitzt seine Abenteuer zum Besten gegeben. Unvergesslich ist die Story, als er mit Freunden außen an der Fassade des Kirchturms hochgeklettert ist. Natürlich gab es zu Hause eine Tracht Prügel, doch für den jungen Teenager war dies egal. Mein Vater ging jede Woche ins Kino – diese Leidenschaft für Filme und abenteuerliche Geschichten habe ich sicherlich auch von ihm geerbt.

Mit 14 Jahren fing ich selbst an, Geschichten zu schreiben: zuerst für die Schülerzeitung, die ich mit einigen Kameraden gegründet hatte. Eine junge Studentin, die in unserem Haus wohnte, war meine erste Lektorin. Kritisch diskutierten wir über jeden Beitrag, und so entwickelte sich langsam mein Geschmackssinn für gute Sätze und packende Überschriften. Mit 16 Jahren wurde ich zum rasenden Reporter. Quer mit dem Fahrrad durch die Region, die Kameratasche auf dem Gepäckträger. Herbert Birkle, der Chefredakteur von vier Wochenzeitungen im Breisgau, wurde zu meinem ersten Mentor. Während ich in der Schule war, fungierte meine Mutter als Sekretärin und nahm die Pressetermine an. Nachts saß ich im zugigen Keller in der Dunkelkammer, um die Filme und Bilder mit der passenden Chemie zu entwickeln. 

Zugegeben: Die Schule lief nebenbei. Bis zu 20 Geschichten hatte ich wöchentlich in der Zeitung und startete damit mein erstes Business. Mein besonderer Stolz war ein unhandliches Diktiergerät, mit dem ich nach Mitternacht meine Artikel aufnehmen konnte, die dann von einer Mitarbeiterin in der Redaktion gesetzt wurden. Doch das Zutrauen meines Chefredakteurs in den Jungreporter hat mich in meiner persönlichen Entwicklung Jahre nach vorne gebeamt und mein Selbstbewusstsein gefestigt. Schnell war alle Scheu verflogen: Wenn das ganze Dorf auf den Beinen war, um im größten Saal einen prominenten Gast zu feiern, turnte ich als Schüler ungeniert auf der Bühne herum, um das beste Bild zu schießen. Meinen Eltern war dieses auffällige Verhalten mittunter sehr peinlich.

Wir haben uns eine Vollkasko-Gesellschaft verwandelt

Heute scheint mir das Leben dagegen ziemlich angepasst: In meinem Freundeskreis gehen etliche Eltern abends um sieben mit ihren Kindern ins Bett, weil sie sonst nicht einschlafen können. Die Kinder werden auch in kleinen Dörfern mit dem Auto in den Kindergarten gefahren und dort von ihren Eltern beim Eingewöhnen betreut. Ohne Helm setzt sich keiner mehr aufs Rad, Knieschützer minimieren jedes Risiko. Helikoptermütter shutteln die Schüler, statt ihnen mehr Risiko zuzutrauen. Die Schüler sind jederzeit erreichbar, selbst auf dem Spielplatz klingelt Handy: Besorgte Mütter erkundigen sich stündlich nach dem Wohlbefinden: Geht es dir auch wirklich gut? Das Smartphone wird zum Talismann, einem Schutzheiligen in allen Lebenslagen.

Nach meiner Beobachtung haben wir uns in der letzten Dekade in eine Vollkasko-Gesellschaft verwandelt, die sich gegen alle Gefahren absichern will. Doch das Mantra der ständigen Erreichbarkeit schränkt leider auch die persönliche Freiheit ein: Welcher Schüler, welcher junge Erwachsene traut sich heute noch, ohne Handy neue Wege zu erkunden oder allein in den Wald zu gehen? Ohne Navi eine unbekannte Strecke mit dem Auto zu fahren? Wer von den Millennials geht in ein Restaurant, ohne vorher die Online-Bewertungen gecheckt zu haben? 

Sicherlich: Die Zeiten haben sich gewandelt. Doch ich mache Ihnen Mut, den Sicherheitsgurt zu öffnen, den Helm abzunehmen und den Airbag Ihres Lebens auszuschalten. Trauen Sie sich, aus der Komfortzone auszusteigen, und gönnen Sie sich mehr Risiko, mehr Spaß an dem wilden und freien Leben. Handyfrei und unkonventionell. Bestimmt fallen Ihnen sofort einige Dinge ein, die Sie als Kind, als Jugendlicher mit riesigem Spaß gemacht haben. Dafür ist es nie zu spät.

Rainer Wälde
Rainer Wälde

Rainer Wälde liebt es, durch Filme, Bücher und Vorträge seine Zuhörer in ihrer Originalität zu ermutigen.
In seinem wöchentlichen Blog erzählt er ihre Geschichten.

www.rainerwaelde.de

Teilen Sie diesen Beitrag