Die Sehnsucht nach dem Seelenfreund

Wir sind unterwegs vom Dunkel ins Licht. Ein Zyklus, der sich auf unserer Lebensreise täglich wiederholt: Aus der Nacht in den Tag. Mit jedem neuen Morgen erwacht auch unsere Sehnsucht nach Gefährten, nach Menschen, die unser tiefstes Inneres verstehen. „Anam Cara“ nennen die Kelten diesen Seelenfreund, der Freundschaft und Liebe in einer tiefen Dimension miteinander verbindet.

Die frühen irischen Christen nannten ihren geistlichen Lehrer und Mentor „Anam Cara“ und teilten mit ihm die innersten Gedanken. Der Schriftsteller John O´Donohue hat diesem kostbaren Begleiter ein Buch gewidmet: „Jeder von uns hätte einen Anam Cara, einen Seelenfreund, sehr nötig. Eine solche Liebe schenkt uns das Bewusstsein, verstanden zu werden, und zwar so wie wir sind, ohne Masken und Verstellungen.“

Foto: Shutterstock

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Wortloses Vertrauen

In meinem Leben wurde ich schon mehrfach mit einem „Anam Cara“ beschenkt: Ich wähle bewusst diesen Begriff, weil die Qualität dieser Beziehung auch die räumliche und zeitliche Trennung übersteht. Es ist ein Gefühl des blinden, manchmal gar wortlosen Vertrauens. Ein Blick genügt und wir beide spüren, dass wir in unserem tiefsten Sein verstanden werden. Auch in unserer Rivendell-Gemeinschaft, die seit elf Jahren besteht, erlebe ich diese seltene Qualität des Verbundenseins.

Nun passt das Bild des Seelenfreundes so gar nicht in unsere moderne Kultur: Die sozialen Netzwerke gaukeln uns eine neue Form der Beziehung vor, eine Gleichzeitigkeit mit vielen, die an Oberflächlichkeit meist nicht zu überbieten ist. Nach dem Motto „Ich mir meiner mir“ wird die natürliche Begegnung durch eine virtuelle Inszenierung ersetzt. Selfies kaschieren die mediale Einsamkeit. Das Smartphone ersetzt die Begegnung von Herz zu Herz. John O´Donohue diagnostiziert: „Leider ist die Beziehung selbst aber zu einem leeren Zentrum geworden, um das unser einsamer Hunger auf der Suche nach etwas Wärme und Geborgenheit seine rastlosen Kreise zieht. Ein Großteil der öffentlichen Bekundungen von Intimität sind hohl …“

Wahre Intimität gehört der Seele an

Heute Morgen fiel mir eine Dame um den Hals, deren Namen ich nicht kannte, und herzte mich mit einem übertriebenen „Bussi-bussi“. Minuten später fiel mir ein, dass wir uns vor Jahren einmal flüchtig begegnet sind. Sie tat so, als wären wir langjährige Freunde, doch unsere Begegnung war schal und oberflächlich: Ihre eigenen Fragen wichtiger als meine Antworten, an denen sie überhaupt nicht interessiert war. Schade, dachte ich, wir haben den Kern verpasst, uns in keinster Weise kennen-gelernt.

„Wahre Intimität ist eine heilige Erfahrung“, betont John O´Donohue: „Sie gibt ihre geheime Vertrautheit und Zugehörigkeit niemals dem voyeuristischen Auge einer Neonkultur preis. Wahre Intimität gehört der Seele an, und die Seele ist äußerst zurückhaltend.“ Auf diesem Hintergrund erlebe ich tiefe Freundschaften als ein kostbares Geschenk Gottes. Im Seelenfreund spiegelt sich meine eigene, innere Landschaft und gewinnt an Kontur. Mit dem „Anam Cara“ verbindet mich auch eine tiefe Gefühlsebene: Ich erkenne den anderen in seiner Einzigartigkeit und spüre seine Zuneigung trotz oder gerade wegen meiner Andersartigkeit.

Zwischen zwei Seelenfreunden verbinden sich Kopf und Herz

In dieser Freundschaft lerne ich eine neue Form der Gefährtenschaft: Wir sind füreinander da, die eigene Unsicherheit muss nicht überspielt werden, ehrliche Fragen haben ihren Raum. Hier muss ich mich nicht verstellen, kann weinen, meine Ängste teilen und mich zutiefst fallen lassen. Zwischen zwei Seelenfreunden verbinden sich Kopf und Herz – eine schöne Erfahrung, die mitunter auch Männer irritiert. „Das Herz erlernt eine neue Kunst des Fühlens“, notiert O´Donohue: „Wir schauen, sehen und verstehen auf eine ganz neue Weise.“

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Autor: Rainer Wälde

Rainer Wälde liebt es, durch Filme, Bücher und Vorträge seine Zuhörer in ihrer Originalität zu ermutigen. In seinem wöchentlichen Blog erzählt er ihre Geschichten: www.rainerwaelde.de



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