Identität: Wie werden wir im Jahr 2020 leben?

Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher (www.horx.com), Fotos: Klaus Vyhnalek

Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher (www.horx.com), Fotos: Klaus Vyhnalek

Schwitzend rennt er in die Zielgerade. Er hat es geschafft. Buster Martin ist der älteste Mensch dieser Erde, der einen Marathon gelaufen ist. Mit seinen 101 Jahren brauchte der Brite für die Strecke 10 Stunden und eine Bierpause und bekam einen Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde.

Ereignisse wie diese werden laut Matthias Horx in der Zukunft keine Seltenheit mehr sein. „Es gibt in unserer Kultur immer mehr pubertierende 70jährige.“ so Horx. Denn die sogenannten „Greyhopper“ werden auch in fortgeschrittenem Alter noch Pisten herunterstürmen oder um die Welt reisen, während Schüler in ihrer Freizeit Millionen-Unternehmen gründen.

In der Vergangenheit bestimmte die Geburt über das Schicksal

Horx analysiert als Trendforscher die Gegenwart und schließt daraus auf zukünftige Entwicklungen . Der bekannteste deutsche Zukunftsvisionär gründete 1998 das Zukunftsinstitut in Kelkheim. „Früher war vieles einfacher,“ sagt Matthias Horx. „Allein die Geburt bestimmte über das Schicksal des Einzelnen , und das war vorprogrammiert.“ Diese Zeiten seien vorbei. Die alte Einteilung der Gesellschaft in soziale Klassen funktioniere so nicht mehr. Grenzen haben sich aufgelöst, weil Menschen immer wieder aus diesen Gruppen heraushüpften und ihre verbindenen Lebensstile längst jenseits dieser sozialen Kategorien entwickeln.

Denn was zählt, sei der Geschmack des Einzelnen. Der Megatrend der nächsten Jahre, die Individualisierung wird unsere Gesellschaft weiter in diese Richtung verändern. Es wird sich in allen Lebensbereichen auswirken. In der Liebe, der Familie oder der Arbeit zählt mehr und mehr das, was der Einzelne selbst will.

Matthias-Horx-11-7927Festgelegt sei nicht mehr viel, alles ist möglich. Orientierung findet der Einzelne nicht mehr in festen Gruppen, sondern in Lebensstilen, die sich jeder selbst aussucht. Dabei zählt das, was Spass macht. Die eigene Identität zu finden wird dadurch auf der einen Seite schwieriger, weil man vor der Qual der Wahl steht und sich seine Orientierung erst in einem Lernprozess erarbeiten muss. Die Frage lautet nicht mehr nur: Wer bin ich?, sondern auch Wer will ich sein? Wozu will ich gehören? Abgrenzung vom Mainstream, anders sein, sich hervorheben aus der Masse ist schwer möglich, weil sogar das Ungewöhnliche gewöhnlich ist. „Heute ist die Orientierung an der Mehrheit nicht mehr möglich, weil es diese Mehrheit nicht mehr gibt.“ so Horx. Jeder sucht sich seinen eigenen, neuen Weg. Normal ist all das, was nicht zur Norm gehört.

Lebensstile von morgen: Die „Latte-Macciato-Familie“

In seiner Studie „Lebensstile 2020“ untersucht das deutsche Zukunftsinstitut genau dieses Phänomen. Die Trendforscher beschreiben zwölf verschieden Typen, die für zukünftige Lebensstile Vorreiter sein werden. Lebensstile, die sich jeder aussuchen und sich darüber neu definieren kann. Darunter die „Latte-Macciato-Familien“, deren Lebensstil von Pizza-Essen-Gehen bis zu Latte-Macciato-Trinken durch das Wunschkind vollkommen verändert wird. Bei „VIB-Familien“ (Very-Important-Baby-Familien) dreht sich alles um das Wohlergehen des späten Kindes. Dafür wird alles mobilisiert, was geht. Frei nach dem Prinzip: Big Mama is watching you.

Matthias-Horx-11-6816Eine Folge des Wohlstands und Fortschritts ist auch, dass Familien Kinder wesentlich bewusster bekommen und dann auch erzogen werden. Die „Communiteens“ sind Teenager, die sich übers Internet ein soziales Netzwerk aufbauen und ihre Kontakte auf auch auf internationaler Ebene in den Gruppen suchen, denen sie sich zugehörig fühlen.
Schwer haben werden es laut Horx die „Young Globalists“, die mit ihrer Blitzkarriere mit 25 Jahren schon der Gefahr einer Midlife-Crisis ausgesetzt sind. Sie sind schnell, gut informiert und haben ein gutes globales Netzwerk. Dagegen gibt es dann auch diejenigen, die sich nie wirklich festlegen, von einer Stadt und einem Beruf zum nächsten wechseln. Für diese „Inbetweens“ wird alles immer wieder neu möglich.

Ein ruhiges Rentnerdasein wird es so auch nicht mehr geben. Denn lebenslanges Lernen und Arbeiten empfinden die neuen Alten, die „Silverpreneure“ angenehmer als den Ruhestand. „Super-Grannies“ treffen sich mit Freundinnen zum Kochen und Gymnastik, erobern die Welt ganz neu und denken gar nicht dran im Schaukelstuhl hinterm Ofen zu sitzen.

Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?




Kommentare