Brauchen Bodyguards Knigge?

Sehen Sie auch gerne spannende Filme, wo der Kopf raucht, um mit dem Helden den Fall zu knacken? In unserem heutigen Gastbeitrag schreibt Marion Ising, die Leiterin des TYP Color Netzwerks, wie bei einem Anruf plötzlich „Kino im Kopf“ entstand und was Bodyguards mit Knigge zu haben:

Ein Mitarbeiter-Seminar der besonderen Art

„Eine Security-Firma lädt mich als Kniggetrainerin zu einem Seminar für die Mitarbeiter ein. So direkt hatte ich noch nicht mit Security-Mitarbeitern zu tun – man sieht die ja nur schon mal überall rumstehen. Weil mir in meinen Seminaren wichtig ist, dass sie maßgeschneidert für meine Kunden sind und mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun haben, ziehe ich gut vorbereitet und gespannt los, konnte mir allerdings nicht verkneifen, vorher eine Umfrage bei verschiedenen Leuten zu starten, was ihnen zum Thema Bodyguard einfällt:

Lederjacke, Sonnenbrille, Stiernacken, Waffen,
Machtgehabe, schwarz, Muskeln, Schutz,
brutal, Anzug, Sonnenbank, Schlägertypen…

Wie Vorurteile bröckeln…

In der Firma angekommen treffe ich auf sehr nette Männer und Frauen -wie du und ich- und es kommt mir so vor, als könne so manches Vorurteil bröckeln. Für den Chef und seine Mitarbeiter ist es sehr wichtig, kompetent und überzeugend aufzutreten und den Kunden zuvorkommend zu behandeln. Er beschreibt seine Firma als loyal und freundlich, unauffällig und dezent. Verlässlichkeit und Sicherheit zeichen sein Unternehmen aus mit Kundennähe und persönlichem Kontakt.

Jetzt heißt es also, die Ideen der Menschen mit den Vorstellungen der Firmenleitung in Einklang zu bringen und die Mitarbeiter zu schulen, kompetent und überraschend anders aufzutreten.

Auch Bodyguards benehmen sich mal daneben

Ihr Job ist es nicht nur, das Leben ihres Kunden zu schützen und für Sicherheit zu sorgen, sondern auch dessen Ansehen zu wahren. Wenn sich der Bodyguard daneben benimmt, schadet das dem Ansehen des Kunden und dem der eigenen Firma. Stilvolles und sicheres Auftreten ist gefragt. Unsicherheit geht immer zu Lasten der Kompetenz.

Also jetzt Butter bei die Fische: Wie treten Sie auf? Was kommt beim Kunden an?
Schon beim ersten Eindruck haben Sie es entweder geschafft oder Sie sind direkt unten durch. Haben Sie eigentlich eine Ahnung, wie Sie gerade gucken? Unsere eigene Mimik spüren wir ja gar nicht, aber sie wirkt kolossal auf unser Gegenüber.

Die Augen hinter der Sonnenbrille versteckt

Meine Bodyguards haben ja Einiges an Mimik drauf. So ein scharfes starres Gesicht ohne jegliche Mimik, die Augen hinter der Sonnenbrille versteckt?
Ich erfahre, dass Bodyguarts tatsächlich auch lachen dürfen. Die legendäre Sonnenbrille ist im Dienst nicht erlaubt, in amerikanischen Spielfilmen allerdings fast Pflicht.

Dieser Vergleich der Eigen- und Fremdwahrnehmung bringt einige Aha-Erlebnisse für die Mitarbeiter, um bereits vorbereitet zu sein auf die eigene Wirkung beim Kunden oder im Alltag.

Schnell-Check: Gibt ein Bodyguard die Hand?

Security-Mitarbeiter kommen ja mit den unterschiedlichsten Menschen zusammen. Wer wird denn begrüßt, wer nicht? Begrüßt ein Bodyguard überhaupt oder seht der nur dezent im Hintergrund? Für sie ist es spannend, die Regeln kennen zu lernen, die 2014 gelten, während andere aber gefühlt aus dem 18. Jahrhundert stammen. Ein solches Update ist wichtig, um auf dem neusten Stand zu sein.

In der Praxis zeigt sich, wie vielschichtig und vorausdenkend der Security-Job ist:
Der zu bewachende Kunde trifft sich beispielsweise mit einem Geschäftspartner im Restaurant. Woran ist zu denken?

Wann parke ich die Stretch-Limonise?

Zuerst muss die Limousine so geparkt werden, dass der Kunde sicher aussteigen und das Haus betreten kann. Vorher ist noch die Sicherheitslage zu checken, aber ebenso zu beachten, dass die begleitende Dame zuerst aus dem Auto aussteigen darf und die Tür aufgehalten bekommt.

Wer geht denn jetzt im Restaurant vor bis zum Tisch? Der Bodyguard nicht, denn sein Kunde ist König, dessen Dame aber auch. Aber sein Geschäftspartner ist besonders wichtig. Also lassen wir den Ober die Gesellschaft an den Tisch führen gefolgt vom wichtigsten Gast, dem Geschaftspartner, dann die Dame, dann der Kunde und zum Schluss auch noch der Bodyguard, der ja auch noch die Sicherheit unter Kontrolle hat.

Keine Angst vor Präsidenten und Kardinälen

Meine Güte, ganz schön kompliziert, meinen Bodyguards raucht der Kopf, aber sie bestätigen mir, wie wichtig es ist vorbereitet und auf dem neusten Stand der Informationen zu sein. Dafür klären wir auch noch die wichtigsten Anreden von Persönlichkeiten, denn die Security-Fachleute treffen ja öfter schon mal mit hochrangigen Personen wie Botschaftern, Präsidenten, Fürsten, Kardinälen oder Staatsanwälten zusammen. Da kann man nicht vor sich hin stammeln oder gar nichts sagen. Und ob sie jemanden duzen können oder nicht wird hier auch von großer Bedeutung sein.

Meine Bodyguards „verfolgen“ ja ihren zu schützenden Kunden auf Schritt und Tritt. Manchmal leben sie ja schon fast mit in der Familie. Und hier ist die Frage nach stilvoller Nähe und Diszanz eine ganz wichtige. Professionalität und Privatsphäre treffen aufeinander. Wir können klären, welche Distanzen für Menschen angenehm sind und wo sie sich belästigt fühlen und dementsprechend aggressiv reagieren. Mit diesem Wissen können die Security-Mitarbeiter viel sicherer auftreten sowohl in privaten und intimen Alltagssituationen des Kunden als auch in Veranstaltungen oder Menschengedränge.

Als Bodyguard auf der Queen Mary

Aus seiner Praxis erzählt jetzt der Chef, dass er demnächst mit einem seiner Kunden als Personenschützer auf der Queen Mary mitfahren muss – oder darf, je nachdem, wie man es sieht. Jetzt wird’s spannend, denn hier an Bord gelten ja doch auch andere Regeln als im Alltag, die er aber als Bodyguard unbedingt drauf haben muss, um nicht unangenehm aufzufallen. Sofort fallen uns neben den Sicherheitsfragen auch die Dress-Codes ein. Es gibt an Bord teilweise auch Kleidungsvorschriften. Und jetzt stellen Sie sich mal vor, der Kunde betritt den Ballsaal, wo der Dresscode „Frack“ angesagt ist, aber sein Bodyguard muss draußen bleiben, weil er nicht richtig angezogen ist.

Also packen wir schnell noch seinen Koffer: Sein schwarzer Frack sollte gut sitzen und von hoher Qualität sein. Er wird kombiniert mit einer weißen, tief ausgeschnittenen Frackweste und einer weißen Fliege. Bitte keine schwarze Fliege, denn man könnte Sie mit dem Oberkellner verwechseln. Dazu kombiniert werden schwarze seidene Kniestrümpfe (also keine Tennissocken) und schwarze Lackschuhe. Die Hose muss super sitzen, denn sie wird ohne Gürtel getragen. Beim Einkauf des Fracks sollte mein Bodyguard auch noch darauf achten, dass Schußwaffen, Handys oder ähnliche Berufsausstattung dezent in der Kleidung versteckt sind.

Seine sonstige Garderobe sollte vielfältig sein, Wind und Wetter und Situation angemessen. Und zu beachten ist auch für den Personenschützer, dass knittrige und nachlässige Kleidung inkompetent wirkt und auf eine nachlässige Arbeitsweise schließen lässt.

Praktische Tipps für das Gala-Dinner

Jetzt vertiefen wir noch ganz praktisch das Thema Tischkultur, denn was nützt das beste Outfit, wenn man sich darin nicht zu benehmen weiß. Ein komplett gedeckter Tisch mit gefühlt 45 Tellern, Gläsern und Bestecken allein für eine Person kann einen ganz schön schockieren – nicht jedoch, wenn man die Geheimsprache der Tischkultur kennt. Die Bodyguards entdecken viele Tricks, mit denen sie gut für ein Geschäftsessen gewappnet sind und in allen Lebenslagen im Restaurant souverän agieren können.

Der Bodyguard sorgt also für andere und sichert sie manchmal auch unter Einsatz seines Lebens. Er muss auch für sich selber sorgen, teilweise auch für die Familie oder das Team seines Kunden. Gleichzeitig hat er auch im Objektschutz oder bei Großveranstaltungen für einen kühlen Kopf zu sorgen.

Mein schmunzelndes Resümee zum Bodyguards Knigge

Nach diesem spannenden Seminartag ist meine Hochachtung vor „meinen“ Bodyguards enorm gestiegen, und die Liste mit den anfänglichen Reizworten packe ich schmunzelnd wieder ein.

Ja, ein Bodyguard braucht Umgangsformen, in jeder Situation. Aber ich glaube, dass auch jede andere Berufsgruppe gute Umgangsformen braucht, damit wir Menschen uns mit Hochachtung und Wertschätzung begegnen können. Überall, wo wir mit Menschen in Kontakt treten, ist es wichtig, wie wir uns verhalten. Aber immer authentisch, nicht aufgesetzt oder steif. Viele Personen oder Firmen in Deutschland sind da schon gut, und viele können auch noch besser werden.“




Kommentare