Schade eigentlich. Er hätte so gut aussehen können. Allerdings ist er unterwegs im Trend-Labyrinth irgendwie merkwürdig abgebogen und hat seinen stattlichen Männerbody in der aktuell sehr jungenhaft wirkenden Herrenmode versenkt.

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Trendsetter oder Fashion-Victim?

Da nützt selbst die hippe Body-Bag nichts mehr. Auch die Farbwahl, irgendwo zwischen Camel, Pastell und Grau, tut ihm, seiner Männlichkeit und seiner Wirkung nichts Gutes. Er scheint ein bisschen verloren. Vermutlich kann er von Glück reden, dass sie es ihm gleichtut. Sie verschwindet ebenfalls in den Stoffmassen, die sie umgeben. Eine weite Daunenjacke, die ein bisschen an eine Steppdecke erinnert und deren Ärmel bis über die Hände reichen, hängt auf einer weiten Breit-Cord-Hose mit Sportstreifen. Eine graue Mütze versteckt das Haar. Sie sieht zwar aus, als könne sie jedem Wetter und Ungemach trotzen, aber von ihren schönen Beinen, den weiblichen Rundungen und den zarten Schwüngen an Handgelenken, Schlüsselbeinen und der Taille ist nichts zu sehen. Sie hat ihre Fraulichkeit komplett versteckt.

Mode im Zeitgeist oder die „Geister, die ich rief“?

Beim Ansehen der Bilder der aktuellen Mode-Kollektionen drängt sich schon manchmal die Frage auf, wer das tragen kann und soll – und warum das gerade jetzt modern ist. Hand aufs Herz, als Mensch mit normalen Proportionen und einem normalen Leben ist vieles davon nicht authentisch einsetzbar. Interessant finde ich jedoch, wie sich die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen selbst in der Mode niederschlagen: 

  • Die Rollen von Mann und Frau verwässern sich immer mehr – unter den großen und weiten Schnitten ist ein geschlechterspezifischer Körper kaum noch zu erkennen und das einzige Attribut, an dem man Männlein und Weiblein noch unterscheiden kann, ist der Bart.
  • Die männliche Vormachtstellung ist auf dem Rückweg – wir sehen nicht mehr den Mucki-Protz als Model, sondern schlanke, elfengleiche, androgyne Wesen, die eher einen Beschützerinstinkt wecken als Angst einflößen. Der „Camel-Man“ hat Feierabend.
  • „Back to nature“ spiegelt sich in Material und Farben wider.
  • Alles ist sehr abstrakt, kreativ und anders. Auch in der Mode sind die Brüche, Neuordnungsgedanken und die Veränderung der alten Systeme spürbar. Die Renaissance der Mode der 70er-Jahre, in denen Ähnliches geschah, ist in vollem Gange.

Einerseits prima – und dennoch auch mit einem mulmigen Gefühl …

Grundsätzlich finde ich das sehr spannend. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch – ich finde Mode toll. Es gibt immer Menschen, die in aktueller Mode wirklich super aussehen und Andere, die es nicht so gut tragen können und ich empfinde viele Entwicklungen, die sich in der jetzt aktuellen Mach-Art niederschlagen, als sehr positiv und dringend nötig. 

Was mich aber beunruhigt, ist das Sich-Auflösen von Format, Ecken und Kanten, das man uns nun auch schon optisch ansieht. Entweder gibt es ein einfarbiges Einerlei oder solche „verrückten“ Outfits, deren Träger man kaum ernst nehmen kann. 

Alles, was für ein echtes Greifbar-Sein und Kontur-Haben steht, verschwindet – und leider nicht nur in der Kleidung: Wischi-Waschi, Orientierungslosigkeit und diese „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“-Mentalität erleben wir täglich – sowohl im gegenseitigen Miteinander, in der Politik, im Business.

Das Problem dabei: Fehlende Konturen und fehlende Grenzen machen es denen leicht, die keine Skrupel und/oder Moral kennen und in dieser weichen Masse ihr ganz eigenes Süppchen kochen wollen. Aktuelle Beispiele auf der Weltbühne sehen wir ja genug.

Schütten wir gerade das Kind mit dem Bade aus?

Für mein Empfinden ist es nicht immer attraktiv, wenn Männer aussehen wie Bubis und Frauen als solche gar nicht mehr zu erkennen sind. Es wundert mich nicht, dass sich auch das Thema Partnerwahl zunehmend komplizierter gestaltet – die große Anzahl an Singles zeigt, dass die ursprünglichste Beziehungen zwischen Mann und Frau, die ja eigentlich sogar von unserem ganzen System automatisch unterstützt wird und unseren Fortbestand sichert, nicht mehr so ohne Weiteres funktioniert – wir sind halt eben doch mehr Augentierchen, als wir zugeben.

Was aber aus meiner Sicht noch bedenklicher ist, ist diese „Formlosigkeit“, mit der wir quasi freiwillig alles Männliche und vor allem, alles Weibliche unter weiten Klamotten verstecken. Das ist für mich ein Schritt in die falsche Richtung: Für das Tragen von Hosen und enger Kleidung sind vor ungefähr hundert Jahren Frauen ins Gefängnis gegangen und die Generationen unserer Großmütter und Mütter haben lange dafür gekämpft, dass nicht nur die Klamotte freier wird.

Genderdiskussion – wichtig, aber bitte richtig

Wir im Heute können autark und selbstbestimmt leben, Mann und Frau sein. Männer können, dürfen und sollen ihre weicheren Seiten leben und Frauen sind endlich frei, das zu tun, was sie können und wollen. Es steht uns alles offen, uns so einzurichten, wie wir es gerne haben mögen. Dieses Miteinander haben unsere Großeltern und Eltern möglich gemacht und auch das hat den Wohlstand und unser gutes Leben hierzulande begründet.

Diese Freiheit, ein echter Mann mit Herz und eine schöne, selbstbestimmte Frau zu sein, ist jedoch kein Selbstläufer. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen es aus meiner Sicht viel zu legitim ist, auch ganz von oben, andere Religionen, Hautfarben, Geschlechter etc. niederzumachen, sollten wir uns nicht in der Masse verstecken, sondern Format und Kontur und Kante zeigen – auch in der Klamotte, die wir tragen.

Orientierung geben fängt im eigenen Herzen an

Die eigenen Formen zu zeigen, hat mit Selbstbewusstsein zu tun – im wahrsten Wortsinn. Sich selbst bewusst zu sein, seine eigene Größe, seine Kanten und weichen Seiten zu kennen, zu akzeptieren und zu zeigen, macht authentisch und echt. Es macht gütig. Mit sich und mit Anderen. Es macht stark, weil Ecken und Kanten dazu führen, dass wir respektiert werden. Es schafft wahre Größe. 

Mir liegt am und auf dem Herzen, dass wir die Möglichkeit wertschätzen, unsere Unterschiede zu zeigen und zu leben – und uns die Freiheit nehmen, in Veränderung zu bleiben: Soviel, wie nötig, aber mit Augenmaß auf das, was uns als Frauen und Männer (inklusive derer, die sich als solche fühlen) in unserer über Generationen gewachsenen und erfolgreichen Gesellschaft ausmacht.

In diesem Sinne, haben Sie viel Freude an der Kleidung und den Dingen, die Ihnen gut zu Gesicht stehen und mit denen SIE den Unterschied machen, weil sie Ihr ganz besonderes Format zeigen.

Wie immer die Ihre,
Evelyn Siller

Evelyn Siller
Evelyn Siller

Evelyn Siller ist Ausbilderin Personality Styling bei der Gutshof Akademie. 2012 gründete sie ihr Unternehmen für Strategisches Image Consulting in Stuttgart. Sie unterstützt Führungskräfte, Unternehmen und alle, die durchstarten wollen, beim perfekten Auftritt.

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