Denken, Positionieren, Zivilcourage

von | 13.07.2020 | Knigge

Nein, so möchte ich das nicht – und deshalb sage ich das jetzt. Nicht jammern, sondern mitgestalten heißt die Devise. Ein guter Beginn dafür ist es, eine eigene Meinung zu haben und diese auch zu sagen. Denken, Positionieren, Zivilcourage – jetzt, heute und hier. Von uns allen. Damit es gut bleibt. Lesedauer 2 Min.

Foto: Shutterstock

Wenn Partylöwen aus dem Rahmen fallen…

Stellen Sie sich vor, Sie feiern bei sich zu Hause eine Party. Sie haben sich viel Mühe mit der Dekoration gegeben, gutes Essen und feine Getränke besorgt und mitreißende Musik aufgelegt. Sie unterhalten sich alle gut. Sie sitzen zusammen und genießen das Essen, manche der Gäste tanzen schon, überall sind lachende Gesichter und gute Stimmung. Doch plötzlich kippt die Situation. Ihre Gäste schauen sehr tief ins Glas. Es entbrennen hitzige Diskussionen, die Stimmung auf der Tanzfläche ähnelt einem Pogo-Wettbewerb. Sachen fallen um, gehen zu Bruch. Es ist laut, ungestüm und die Situation eskaliert immer mehr.

Was tun Sie als Gastgeber? Sicherlich lassen Sie es nicht so weitergehen, sondern versuchen die Party zu beenden – und Sie werden sich fragen, wessen Schuld es ist, dass diese Party so aus dem Ruder laufen konnte. Liegt es daran, dass Sie zu viel Alkohol bereitgestellt haben, in der guten Absicht, dass es Ihren Gästen an nichts mangelt oder liegt es womöglich daran, dass die Gäste weder ihr Limit kennen und noch sich benehmen können? Sie werden sicherlich die Menschen, die so aus dem Rahmen gefallen sind, nicht wieder einladen. Weil Sie das so nicht haben wollen.

Wenn Nicht-Wieder-Einladen keine Lösung ist

Wie Sie wissen, gab es auch in Stuttgart eine Party, die komplett aus dem Ruder gelaufen ist, bei der die Polizei angegriffen wurde, Geschäfte geplündert, Sachen gestohlen und eine komplette Innenstadt verwüstet wurde.

Ich bin Stuttgarterin und fast jeden Sonntagmorgen führt mich meine Laufrunde durch die Königsstraße, in der normalerweise um diese sehr frühe Uhrzeit nur die Stadtreinigung unterwegs ist, um die ganzen Müllberge der Party-People zu entsorgen, die sich, seit die Clubs wegen Corona geschlossen haben, wie eine Flut durch die Stadt gießt. Auch ohne Gewalt und Plünderungen fragt man sich, was diese Menschen – unsere Jugend und Gäste – wenig wertschätzend jedes Wochenende für ein Unwesen treiben. 

Und wir Stuttgarter wollen das so nicht haben. Jetzt wird es spannend. Denn das mit dem einfach-nicht-wieder-Einladen geht ja nicht. Und, was jetzt? Größtes Polizeiaufgebot jedes Wochenende? Die letzten beiden Wochenenden war es deshalb ruhig. Ich bin jedoch überzeugt, dass wir ein solches Verhalten nur dauerhaft unterbinden, wenn wir gegen diese Art, mit Menschen und Sachen umzugehen, nicht nur am Samstagabend vorgehen. 

Mit Beherztheit Positionieren: Mein Haus. Meine Regeln.

Schauen wir mal nochmals auf den kleinen Rahmen, die private Party: Es gibt Gastgeberpflichten und andere, die bei den Gästen liegen. Als Gastgeber kümmere ich mich darum, dass es den Gästen gut geht. Aber es ist mein Haus und darin gelten meine Regeln – und daran haben sich sowohl Gäste als auch Kinder zu halten. 

Das mag auf den ersten Blick autoritär klingen, doch wenn man sich vorstellt, dass es um das eigene Haus geht, dann verändern sich Perspektiven: Manche Eltern finden es beispielsweise nicht schlimm, wenn ihre Kinder bei ihren Freunden und Nachbarn mit dem angebissenen Nutella-Brötchen auf dem Sofa Trampolin springen. Zuhause gibt es das aber nicht. Bin ich jetzt als Gastgeber schuld, dass die Juniors überhaupt auf dem Sofa hopsen? 

Meines Erachtens sind es die Eltern, die das zulassen. Kinder machen das so lange, weil sie es cool finden und vielleicht auch noch nicht wissen, dass Nutella-Flecken auf Wänden und Polstermöbeln schlecht weg gehen, bis es ihnen jemand sagt. Und sie machen so lange weiter bis es Konsequenzen gibt. Also liegt es an den Eltern, konsequent zu sein. Und an den Gastgebern, dass sie dafür sorgen, dass die Gäste die Regeln kennen und wahren.

Wer ist denn nun der Gastgeber im öffentlichen Raum?

Die Gastgeberrechte und -pflichten liegen in der Hand des Staates. Also doch Polizeiaufgebot? Die Polizei schützt und begleitet unsere Gäste und Kinder, ist aber nicht der Gastgeber. 

Gestatten Sie mir dazu noch ein Wort am Rande: Unsere Polizist:innen machen aus meiner Sicht einen guten Job, halten für jegliche Demonstration/ Kundgebung/ Veranstaltung usw. ihre Rübe hin, sichern unsere Demokratie, sind Freund und Helfer in der Not und haben es aus meiner Sicht in keinster Weise verdient, dass man ihnen so menschenverachtend begegnet.

Wenn nicht die Polizei der Gastgeber ist, wer dann? So unangenehm das jetzt sein mag, der Staat sind Sie und ich. Wir alle. Wir alle sind Gastgeber und Eltern. Wir alle sind verantwortlich dafür, dass und wie sich unsere Jugend und unsere Gäste benehmen.

Friedlich und fröhlich miteinander, weil wir alle dafür sorgen

Das ist kein Aufruf zur braunen Soße oder zu autoritären Erziehungsanstalten, sondern vielmehr der Gedanke, dass wir nicht machtlos ausgeliefert sind. Jeder Einzelne von uns hat das Recht und die Pflicht als Gastgeber, seine Meinung zu sagen und in seinem eigenen Umfeld zu leben, damit die Regeln unseres gemeinsamen Hauses, unseres friedlichen und fröhlichen Miteinanders gelebt und beachtet werden.

Dazu gibt es aus meiner Sicht zwei wichtige Aspekte: 

  1. Kinder lernen am Modell. Das heißt sie schauen sich Sachen ab. Von jedem von uns.
  2. Es gibt Konsequenzen für alle, die die Spielregeln nicht befolgen.

Ein guter Ratgeber für Spielregeln in einer Gesellschaft ist Adolph Freiherr Knigge, der Brücken zwischen Generationen, Milieus und Welten baut: Mit Respekt und Wertschätzung.

In einer Gesellschaft, die den Ellbogencheck und den Fußtritt als adäquaten Ersatz für einen Händedruck einführt, kann das sicher jeder von uns noch besser leben: Wertschätzung und Respekt – für den Nachbarn und die eigene Familie, für die Menschen, denen wir begegnen, für Funktionen und Rollen, in denen sie agieren, für die Tiere, die mit und bei uns leben, für Gesundheit, für Essen, für Meinungen, Hautfarben, Religionen, Frauen, Männer, Kinder, sexuelle Ausrichtungen, etc.  – und wenn diese Wertschätzung nicht stattfindet, dann müssen wir aufstehen und uns wehren. Jeder in seinem Leben, jeder in seiner Rolle, jeden Tag. Und der erste Schritt dazu, ist es, seine Meinung zu sagen.

  • Ich möchte das so nicht haben, dass sich unsere Kinder und unsere Gäste so benehmen. 
  • Ich möchte nicht, dass sich unsere Gesellschaft kickt und boxt beim Begrüßen.
  • Ich möchte nicht, dass unsere Polizisten Angst haben müssen und beschimpft werden.
  • Ich möchte nicht, dass unsere Töchter und wir Frauen als minderwertig betrachtet werden (und zwar egal von wem).
  • Ich möchte nicht, dass meine Söhne, wenn sie charmant und hilfsbereit sind, eine Me-Too-Debatte auslösen.
  • Ich möchte kein unglückliches Fleisch essen, das von unglücklichen Arbeitern geschlachtet wird.
  • Ich möchte nicht, dass unsere Journalisten als Lügenpresse bezeichnet werden.
  • Ich möchte nicht, dass wir so generationenorientiert leben, dass unsere Kinder dafür bezahlen.
  • Ich möchte das und viel mehr nicht.

Zivilcourage: Deshalb mache ich jetzt den Mund auf. Wertschätzend, aber klar und deutlich.

Hier. In meiner Familie. Bei meinen Kollegen. In der Bahn, auf der Straße, im Restaurant, wenn ich etwas sehe, höre, miterlebe, was ich so für mich, meine Lieben, meine Mitmenschen und mein Zuhause als nicht wertschätzend und respektvoll empfinde. Höflich und freundlich, aber klar und deutlich.

Ich habe nicht auf alles eine Antwort und Lösungen. Aber ich habe die Hoffnung, dass wenn wir ohne politisches Kalkül und gegenseitiges Schuldzuweisen mutig den Mund aufmachen und Dinge beim Namen nennen, ohne in die eine oder andere Ecke gestellt zu werden, vielleicht in eine Phase einsteigen können, die dieses Diskutieren ohne Taten, Konsequenzen und Lösungen beendet.

Dann können wir zielorientiert und im Umgang wertschätzend, verschiedene Meinungen gedanklich offen bedenkend, daran gehen und überlegen, wie wir unsere Gesellschaft entwickeln, damit unsere Kinder und Gäste einen Platz und eine Aufgabe bekommen und Teil der Wertschätzung und der Wertschöpfung werden.

Es ist an der Zeit, dass wir achtsam werden. Dass das, was uns als Gesellschaft wohlhabend, friedlich und frei gemacht hat, erhalten wird, für uns, unsere Kinder und unsere Gäste, denn das möchte ich behalten und ausbauen. Und Sie?

Bleiben Sie wohlauf und in jedem Sinne putzmunter,

Ihre Evelyn Siller


Evelyn Siller

Evelyn Siller ist Stil- und Knigge-Expertin in Stuttgart und Mitglied im Deutschen Knigge-Rat. Sie unterstützt Führungskräfte, Unternehmen und alle, die den Unterschied machen wollen, mit Stil und Strategie beim echten, sympathischen und erfolgreichen Auftritt.

https://evelyn-siller.de/

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