Selbstannahme – Bin ich gerne mit mir zusammen?

von | 02.11.2020 | Coaching, Personality Stylist

Evi hat jetzt schon keine Lust mehr, nach Hause zu fahren. Je näher ihr Zug dem Heimatbahnhof entgegenrauscht, desto mehr beschleicht sie dieses dumpfe Gefühl. Denn sobald sie aus dem Zug aussteigen wird, muss sie schon dem prüfenden Blick ihrer Schwester standhalten, die sie am Bahngleis empfangen wird – ihre Selbstannahme geht dann immer gegen null.

Foto: Shutterstock

Kaum ein gutes Wort – Selbstannahme gleich null

Ein freundliches „Hallo“ wäre schon fast zu viel erwartet. Irgendwie lässt ihre Schwester kaum mal ein gutes Wort für sie fallen. Ständig beäugt sie alles, was Evi tut oder lässt, was sie sagt oder meint. Das ist schon echt nervig. Deswegen hat sie jetzt schon den Eindruck, sich gegen die ersten Kommentare wappnen zu müssen: „Da hast du aber wieder einen schweren Koffer mitgebracht. Wofür brauchst du denn so viel Gepäck?“ Auf dem Weg zur Treppe wird dann in etwa sowas folgen: „Wenn ich schon dein dünnes Jäckchen sehe, wird mir echt kalt.“ Um dann auf dem Weg zum Auto noch diesen Spruch zu hören: „Da hättest du doch mal lieber bequemere Schuhe angezogen.“

Bewertet und hinterfragt

Schade, mit einem solchen Menschen wie Evis Schwester ist man irgendwann gar nicht mehr gerne zusammen, der ständig kommentiert, bewertet, beurteilt und hinterfragt. Man fängt an, sich zu überlegen, wie man solche Treffen vermeiden oder auch abkürzen kann, man wird knapp in der Unterhaltung oder sucht Entschuldigungen oder Verteidigungsstrategien. Das ist anstrengend und verliert die Leichtigkeit.

Das machen wir doch mit uns selbst auch

Dieser Gedanke lässt mich nicht los! Ist es nicht das, was wir gerne mit uns selbst machen? Wir führen innerliche Zwiegespräche und hinterfragen oder beurteilen uns selbst immer wieder. Es ist, als ob direkt einer neben mir steht, der mich mit Fragen oder Kommentaren bombardiert.

„Das war aber jetzt nicht so doll.“ „Wie siehst du denn aus?“ „Oh Mann, das war aber jetzt peinlich.“ „Ok, das hast du ja ganz gut gemacht.“ „Wärst du nur besser direkt zum Fachmann gegangen.“ Und so weiter…

Ganz schön anstrengend

„Wäre ich gerne noch mit so einem Freund zusammen, der neben mir steht und alles bewertet und kommentiert, was ich tue?“, frage ich mich dann. Je nachdem, was er mir sagt und wie er es mir sagt, lieber ja oder lieber doch nicht. Bin ich eigentlich noch gerne mit mir zusammen? Was sage ich denn zu mir selbst und wie tue ich das? Ich möchte doch gerne mit mir zusammen sein!

10 Schritte zur Selbstannahme

  1. Hören Sie doch mal selbst Ihren Gedanken zu. Sich die Selbstgespräche bewusst zu machen ist der erste und wichtigste Schritt. Sortieren Sie mal innerlich, wie viele positive Bewertungen Sie sich selbst geben.
  2. Was bewerten Sie an Ihrem Verhalten, Aussehen oder Worten eher negativ?
  3. Notieren Sie sich einfach in einer Tabelle alles ungefiltert, sortiert nach positiv und negativ.
  4. Wie kommen Sie unter dem Strich in Ihren eigenen Augen weg? Können Sie sich leiden oder eher weniger? Finden Sie sich eher gut oder gibt es viel zu kritisieren?
  5. Spüren Sie doch auch mal Ihrer eigenen Wortwahl nach: Wählen Sie eher wertschätzende Ausdrücke oder Beschreibungen für sich oder ist Ihre eigene Wortwahl eher abwertend? Dazu können Sie in Ihrer Tabelle alle positiven Bemerkungen blau und die negativen rot unterstreichen. Welche Farbe dominiert?
  6. Beginnen Sie, zuerst unschöne Worte durch positivere zu ersetzen. Wählen Sie wertschätzende Worte über sich selbst. Versuchen Sie, zu sich selbst Dinge zu sagen, die Sie gerne von einem guten Freund hören würden.
  7. Ein guter Freund würde Sie nicht nur über den grünen Klee hoch loben, sondern Ihnen weiterführendes gutes Feedback geben.
  8. Stellen Sie sich doch auch die Frage, ob denn alles, was Sie tun oder sagen, kommentiert werden MUSS? Es gibt Dinge, die dürfen auch mal nur SEIN, ohne Bewertung oder Kommentar.
  9. Behandeln Sie sich innen wie außen so, dass Sie gerne wieder mit sich selbst zusammen wären.

Liebender Blick

In meiner Stilberatung habe ich eine sehr prägende Situation erlebt, wo eine Kundin bereits im Einstiegsgespräch mit Worten über sich sprach wie „dicke Tonne“, „Schwabbelarme“, „Elefantenbeine“ und „Pferdefuhrwerkshintern“. Da wurde ich stutzig, weil Sie mit ihrer Wortwahl ja gar keinen Platz ließ für die Möglichkeit, dass auch etwas an ihr schön sein könnte. Sie wertete sich so sehr ab und zeigte damit, dass sie sich selbst ja gar nicht lieben könnte.

Mir taten diese Beschreibungen für sie selbst sehr weh. Deshalb schlug ich ihr eine Challenge vor. Alle Worte, die ich abwertend empfand, schrieben wir auf einen Zettel und sammelten sie in einem Schälchen, um nach der Beratung zu schauen, welche Beschreibungen davon noch zutrafen und welche wir wegwerfen konnten.

Während der Beratung hielt die Kundin plötzlich inne, nahm die Zettel, knüllte sie zusammen und warf sie alle in den Abfall. Ohne etwa abzunehmen oder anderes an sich zu verändern hatte sie eine ganz neue positive und erleichterte Sicht auf sich gewonnen, und wir fanden neue Worte und einen liebenden Blick für sie – Ihre Selbstannahme war enorm gestiegen.

Gute Worte haben Macht

Das ist einfach so. Deswegen lade ich Sie ein, sich auch mal dieser Challenge zu stellen und Ihre Worte und Gedanken zu durchstreifen auf der Suche nach Wertschätzung, Entspannung und Selbstannahme. Wenn Sie Lust haben, würde ich mich sehr freuen, wenn Sie Ihre Erfahrungen mit mir teilen.

Herzliche Grüße, Ihre Marion Ising


Marion Ising

Marion Ising hat Ihre Ausbildung an der Gutshof Akademie gemacht
und ist seit 2005 Personality Stylistin und zertifizierte Kniggetrainerin.
Sie berät mit viel Herzblut Menschen, die ihren privaten und Business-Auftritt
optimieren und ihr volles Potential entfalten möchten.
Sie ist Ausbilderin an der Gutshof Akademie und betreut das deutschlandweite Beraternetzwerk.

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