Es schreit mich förmlich an. Für diese Uhrzeit morgens um kurz nach halb sieben ist es eindeutig zu laut. „Hallo Frau Siller!“ steht da und das Ausrufezeichen am Ende der vermutlich freundlich gemeinten Begrüßung sorgt bei mir in Millisekunden für innere Hab-Acht-Stellung und schlechte Laune gleichermaßen. Ich habe schon keine Lust mehr, weiterzulesen geschweige denn mich noch um das Anliegen des E-Mail-Verfassers zu kümmern.

Foto: Shutterstock

Der Ton macht die Musik – auch schriftlich.

Kennen Sie auch solche Schriftstücke? Meistens folgt diesem geräuschvollen Auftakt eine wahre Satzzeichenflut. Die Komma-Weitwurf-Maschine arbeitet auf Hochtouren und viele der folgenden Sätze enden ebenfalls mit einem Ausrufezeichen, vielleicht auch mit zweien oder dreien, um dann wirklich Nachdruck zu verleihen. Denn dazu ist das Ausrufezeichen ja eigentlich da: Es steht normalerweise nach Ausrufe-, Wunsch- und Aufforderungssätzen oder nach Ausrufewörtern.

Mich juckt es dann immer, auch etwas auszurufen: „Hey Sie! Ich bin doch nicht blöd! Aber ich könnte es werden, wenn Sie mich weiterhin so anschreien!“ Dieser virtuelle Radau-ohne-Grund erweckt in mir die trotzige Vierjährige.

Mehr Getöse, desto wichtiger?

Warum muss es denn immer so laut sein, frage ich mich. Was soll mit diesem Getöse, sei es schriftlich, persönlich, optisch oder im Habitus denn erreicht werden? Ist es ein weiteres Mittel, um seiner Umwelt die eigene Wichtigkeit zu demonstrieren? Ist es, um deshalb schneller gesehen, bedient, bearbeitet, behandelt zu werden?

Das mag ja durchaus auch geschehen, denn vermeintliche Stinkstiefel werden wir alle gerne schnell wieder los. Sympathie, echte Freundlichkeit und wirklichen Herzblut-Service werden wir damit allerdings nicht erreichen. Im Gegenteil, meistens führt „dieser Lärm um nichts“ auch genau dazu. Zu nichts. Viele Menschen geben gerne freiwillig, verschnupfen aber, wenn sie sich genötigt fühlen.

In der Ruhe liegt die Kraft

Ich hatte während meiner Bankjahre einen cleveren Chef, der wenn es wichtig wurde, immer sehr, sehr leise gesprochen hat. Das führte dazu, dass alle an seinen Lippen hingen und die Ohren spitzten, damit sie ja nichts verpassten. Dieses Prinzip funktioniert: Wenn es irgendwo laut ist, dann schreien wir alle noch mehr. Wenn aber irgendwo geflüstert wird, hören wir hin. Genau hin.

Es braucht also keinen Lärm, um spannend zu sein. Weder beim Schreiben, noch beim Sprechen, noch im Umgang mit Anderen, noch beim Anziehen. Reizvoll sind die kleinen Akzente.

Eine Kunst, Ausrufezeichen mit Persönlichkeit zu setzen

Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit führen zu Sichtbarkeit und damit auch zu Aufmerksamkeit. Wir lassen uns gerne von diesen „Strahle-Menschen“ inspirieren, fühlen uns aber irgendwie merkwürdig, wenn jemand unsere Aufmerksamkeit mit einem Ausrufezeichen einfordert. „Schau mich an!“ steht nicht für gleiche Augenhöhe. Da setzt man doch lieber einen Schlusspunkt oder zumindest ein Fragezeichen, oder?

Wir sind aber ehrlich begeistert von diesen kleinen persönlichen, vielleicht eher auf den zweiten Blick ersichtlichen Eigenheiten. Charme, Freundlichkeit, Zugewandtheit, Höflichkeit, authentische Besonderheiten im Look … – die leisen und feinen Töne machen den Unterschied. Diese gehen dann nicht „voll auf die Zwölf“, sondern elegant, intelligent und zielsicher von hinten durch die Brust ins Auge. Und oft auch direkt ins Herz.

In diesem Sinne, kommen Sie mit Ihrem ganz eigenen Charme und inspirierender Verve gut durch den Frühling! Sie setzen damit ganz bestimmt viele besondere Ausrufezeichen.

Herzlich und auf bald
Evelyn Siller

Evelyn Siller
Evelyn Siller

Evelyn Siller ist Ausbilderin Personality Styling bei der Gutshof Akademie.2012 gründete sie ihr Unternehmen für Strategisches Image Consulting in Stuttgart. Sie unterstützt Führungskräfte, Unternehmen und alle, die durchstarten wollen, beim perfekten Auftritt.

Teilen Sie diesen Beitrag