Pilgern auf dem Lulluspfad

In den letzten Jahren ist das Pilgern wieder aktuell geworden. An einer geistliche Tradition anknüpfend, lassen Menschen ihren Alltag hinter sich, um zu Fuß auf unterschiedlichen Pilgerwegen zu gehen.

Rund um den Gutshof in Großropperhausen bietet sich für Interessierte auf mehreren Wegen die Möglichkeit, die Erfahrung des Pilgerns zu machen: sei es auf dem Lulluspfad, der den Spuren des Mönchs Lullus folgt, dem Sekretär und Nachfolger von Bonifatius, oder der Elisabethpfad, in Erinnerung an die heilige Elisabeth von Thüringen. Ebenso verläuft in der Nähe der nordhessische Jakobsweg in Richtung Santiago de Compostela oder ganz aktuell der Lutherweg 1521 von Eisenach nach Worms.

Foto: Shutterstock

Foto: Shutterstock

Häufig werde ich gefragt, welche Bedeutung das Pilgern für mich hat und warum ich mit Gruppen als Begleiterin auf Pilgerwegen unterwegs bin: Pilgern heißt für mich, der Sehnsucht des Herzens folgen, aufbrechen, Gewohntes hinter mir lassen, mich einlassen auf eine neue, persönliche Erfahrung mit Gott, mit mir selbst, mit den Menschen um mich her. Unterwegs kann ich Antworten finden auf offene Fragen in meinem Leben, die Bereicherung und den Halt einer Pilgergemeinschaft erleben, Stärkung und Ermutigung erfahren. In der Schönheit der Schöpfung kann ich Gottes Gegenwart spüren. Am Ziel angekommen, spüre ich Freude darüber, den Weg geschafft zu haben – und die Traurigkeit, dass ein jeder Weg ein Ende hat.

Aufbruch ist mit Unsicherheit verbunden

Es braucht den Mut, den ersten Schritt zu tun, das Vertraute hinter sich zu lassen. Folgende Gedanken und Fragen bewegen mich: Was erwartet mich unterwegs? Welchen Gefahren bin ich ausgesetzt? Werde ich den Weg finden? Bleibe ich gesund und habe die Kraft, den Weg zu gehen? Schaffe ich es, bis zum Ziel zu kommen?

Es tut gut, in einer Pilgergruppe über Vorbehalte und Befürchtungen ganz offen zu sprechen, am Anfang einer Pilgerreise und auch immer wieder zwischendurch. Gegenseitig können wir uns in schwierigen Situationen unterstützen und beistehen. Im Gebet können wir alle diese Bedenken vor Gott aussprechen und bei ihm loslassen.

Solche Erfahrungen sind auch übertragbar auf das ganze Leben – wie geht meine Pilgerreise durch mein Leben weiter? Was erwartet mich? Werde ich mein Leben meistern? In allen Gefühlen der Ungewissheit und Angst kann ich mich daran erinnern, dass ich nicht alleine unterwegs bin. Ich habe Weggefährten an meiner Seite und ich folge der Zusage Gottes, die nicht nur Abraham, sondern auch mir gilt:

„Geh in ein Land, das ich dir zeigen will, ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein!“

Gotteserfahrungen auf dem Weg

Als ich das erste Mal auf dem Jakobsweg unterwegs war, hatte ich auf diesem spirituellen Weg ganz besondere Gotteserfahrungen erwartet. Als sich diese mehrere Tage lang nicht einstellten, war ich enttäuscht. In Gesprächen mit meinen Begleitern wurde mir bewusst, dass ich den Weg absichtslos gehen soll: Loslassen – leer werden – nichts erwarten – offen werden.

In dieser Achtsamkeit wanderte ich in den darauffolgenden Tagen weiter. Ich erlebte dann, dass in der Stille plötzlich Lieder in mir aufstiegen, die in mir zum Klingen kamen. Ich erinnerte mich an Bibelworte, die mich ermutigten und trösteten. Gott offenbarte sich mir in der Natur, durch eine Blume, ein Schneckenhaus, eine Frucht des Eukalyptusbaumes, einen Stein. Vieles beinhaltete eine Botschaft für mich, die eine Antwort auf mein Nachdenken und meine innere Auseinandersetzung war. Gott zeigte sich mir ebenso in den Gefährten, die mit mir unterwegs waren, oder durch Pilger unterschiedlicher Nationen, die mir begegneten.

Ist der Weg das Ziel?

Es gibt ein Pilgermotto, das heißt: „Der Weg ist das Ziel.“ Ich habe festgestellt, dass für mich persönlich diese Aussage nicht stimmt. Ich brauche beim Pilgern und darüber hinaus in meinem Leben ein Ziel, auf das ich zugehe. Ich habe beim Unterwegssein erfahren, wie wichtig das Ankommen ist, wie berührend, wie zufriedenstellend, eine große Freude. Ich habe es geschafft, durch alle Mühe und Strapazen hindurch – ich bin am Ziel! Ein feierlicher Gottesdienst, bei dem alle Pilger begrüßt und gesegnet werden, beendet die Pilgerwanderung, ein tiefberührendes, unvergessliches Erlebnis – vielleicht wird es so auch einmal im Himmel sein?

 

Entdecken Sie die Gutshof Akademie: www.gutshof-akademie.de


Autorin: Simone Boley

Simone Boley wandert mit ihrem Mann seit Jahren auf dem Jakobsweg und lädt auch andere Menschen zum Innehalten und Pilgern ein. Aktuelle Termine im Gutshof: klosteraufzeit.info



Kommentare