Smartphone Knigge: Darf ich als Gast twittern?

Smartphone KniggeDie BUNTE-Redaktion aus München meldet sich bei mir: Aktueller Anlass ist letzte „Wetten, dass…?“-Sendung: Die beiden Schauspieler Elyas M’Barek und Armin Rohde haben live „getwittert“ – ein Fauxpas, der auch noch für den Fernsezuschauer sichtbar war. Deshalb will die BUNTE von mir wissen: „Twittern – live im TV. Gehört sich das?“

Meine Antwort: „Ich empfinde das Verhalten ausgesprochen respektlos gegenüber dem Gastgeber und dem Publikum. Das ist ein absolutes No-Go. Wer es gar nicht lassen kann, sollte unbemerkt während eines Showacts twittern, doch wenn ich in der Talkrunde präsent bin, gilt meine Aufmerksamkeit ganz dem Gespräch und damit den Zuschauern. Die gleiche Regel gilt auch bei privaten Einladungen: Wer am Tisch in den sozialen Netzwerken kommuniziert statt mit den Anwesenden signalisiert damit seine Geringschätzung und grenzt sich als Gast für weitere Anlässe aus.“

Smartphones beherrschen den Alltag

Nach meiner Beobachtung haben die mobilen Arbeitsgeräte den Alltag vollständig erfasst: Ob in der S-Bahn oder dem Kino – überall werden die Mails gecheckt, schnell bei Facebook der Status upgedatet. Erst kürzlich habe ich ein junges Paar in der Bahn beobachtet, die stundenlang mit mir im Abteil saßen: Beide waren 95% der Fahrt ausschließlich mit dem Handy beschäftigt. Kaum ein Dialog, selten ein Blick auf die Landschaft vor dem Fenster. Die beiden wirkten vergnügt – alleine mit sich und der digitalen Welt.

Körperlich anwesend – doch die Gedanken sind online

Keine Sorge: ich bin kein Technik-Verweigerer, sondern ganz im Gegenteil ein „Early Adopter“, der neue Trends beobachtet und meist zu den Ersten gehört, die ein mobiles Geräte nutzen. Allerdings beobachte ich seit einigen Monaten, wie der Gebrauch der Smartphones auch im Privatbereich wie selbstverständlich die Kultur verändert: Während es in meiner Kindheit als unhöflich galt, den Fernseher laufen zu lassen, wenn Gäste da sind – ist die Nutzung von Handys bei privaten Einladungen fast selbstverständlich. Ich beobachte junge Mädchen, die beinahe blind unter der Tischdecke ihre Nachrichten tippen. Körperlich sind sie anwesend, doch in Gedanken sind sie bei WhatsApp oder Facebook.

Doch die emotionale Abwesenheit ist nicht alles: Sie verpassen in diesem digitalen Online-Status auch den feinen Geschmack des Essens und die interessantesten Tischgespräche. Die „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ wie Wissenschaftler dies nennen ist nur begrenzt. Ich kann nicht alle Sinne gleichzeitig befriedigen. Ich verfolge zwar den unablässigen Datenstrom, aber ich verpasse wichtige emotionale Momente.

Kinder beklagen sich über mangelnde Aufmerksamkeit

Das hat auch Auswirkungen auf das Zwischenmenschliche, wie eine repräsentative Umfrage von TNS Emnid kürzlich ergab: Danach ist für jeden vierten Deutschen das Handy des Partners ein größerer Grund zur Eifersucht als ein anderer Mann oder eine andere Frau. Wie die „Welt“ berichtet, leidet in Schweden jedes dritte Kind darunter, dass sich seine Eltern oft lieber mit ihrem Handy als dem eigenen Nachwuchs beschäftigen. Jedes fünfte Kind hat sich schon einmal darüber beschwert, dass die Eltern zu sehr in ihr Telefon vertieft sind. In der Hauptstadt Stockholm lag der Anteil sogar bei 30 Prozent. Dies belegt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Yougov.

Smartphone Knigge: Was ist zu tun?

Ich persönlich habe gute Erfahrungen mit dem medialen Fasten gemacht: Wenn ich spüre, dass meine emotionalen Reserven langsam erschöpft sind, drossle ich ganz bewusst den Online-Konsum: Weniger Facebook, kontrollierte E-Mail-Zeiten und gezielte Offline-Phasen. Ich schätze das „Glück der Unerreichbarkeit“, wie es Mirjam Meckel vor Jahren pointiert formulierte. Konkret bedeutet das auf meinen stundenlangen Bahnreisen: Das Handy im Koffer lassen, stattdessen genieße ich eine heiße Schokolade und das Panorama der winterlichen Landschaft.

Glücksgefühle – ganz ohne Smartphone

Bei privaten Einladungen lasse ich mein Handy im Auto oder im Mantel stecken. Ich freue mich über den Dialog mit meinen Freunden und möchte die besten Pointen und Geschichten nicht verpassen. Kürzlich erzählte mir eine junge Businessfrau, dass sie vor einiger Zeit ihr Facebook Konto gelöscht hat. Die gewonnene Zeit nutzt sie nun und besucht ihre Freunde wieder persönlich. Sie hat ihr digitales Leben gegen ein emotional aktives analoges Leben eingetauscht. Begeistert berichtet sie mir von den Glücksgefühlen, die sie bei einem Glas Rotwein mit lieben Freunden erlebt. Ihr Fazit: Ich vermisse nichts.




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