Identität: Was sind Ihre inneren Antreiber?

Ich erinnere mich an ein Gespräch bei einer Qualitätsschulung für Farb- und Stilberater. Während des Mittagessens fragte eine Beraterin ihre Kollegin: „Wie viele Beratungen hattest du im letzten Jahr?“ Sie antwortete: „Etwa 70.“ Darauf reagierte die erste Beraterin spontan: „Klar, bei deinem Äußeren ist das ja kein Wunder. Du lebst in einer Großstadt mit einem großen Einzugsgebiet und außerdem hast du keine drei Kinder.“

Im direkten Vergleich schnitt sie schlecht ab – denn sie hatte nur um die 20 Beratungstermine in diesem Zeitraum. Aber der Vergleich hinkt. Denn wenn die Beraterin ihre eigene Lebensgeschichte anschaut, hat sie nach ihrem sinnvollen Maß und ihren Möglichkeiten gute Arbeit geleistet.

Welche Ziele sind für Sie stimmig?

Authentisches Leben fordert mich heraus, mich nicht mit andern und deren Möglichkeiten zu vergleichen. Wenn ich Ziele anstrebe und erreiche, die stimmig zu mir und meinen Möglichkeiten passen, erfüllt mich dies mit Dankbarkeit. Dankbar und im Frieden mit meinen Leben gelingt es mir, anderen zu gönnen, was ihnen gelingt. Ich stelle mir nochmal die Gesprächsszene vor und überlege mir eine authentische Antwort. „Wie ist dir das gelungen? Du hast mutig und fleißig umgesetzt, was wir gelernt haben und sicher hat das viel Freude gemacht. Ich empfinde tiefen Respekt. Du motivierst mich mehr Beratungen anzustreben und darüber nachzudenken, wie mir das gelingen könnte.“

Vielleicht machen sich auch innere Stimmen von früher bemerkbar, die mir einreden wollen: Du bist nicht gut genug, schau doch, andere sind besser. Solche Geheimagenten können mich antreiben, immer mehr zu wollen und doch nicht zufrieden zu sein. Da kann mich in manchen Situationen der Neid schon erwischen. Gut, wenn sie enttarnt werden.

Meine Berufung leben

Beim Nachdenken über authentisches Leben merke ich: Meine eigenen Erwartungen und die von andern überfordern mich ab und zu. Manchmal fühle ich mich wie in einem Hamsterrad. Wenn ich z. B. nach einem zehnstündigen Seminartag nach Hause komme, blinkt der Anrufbeantworter, Mails warten im Posteingang, Rückrufe und wichtige Terminabsprachen sind zu erledigen und ich möchte mit meinem Mann gemütlich essen und ihm zuhören. Berechtigte Bedürfnisse und zu lösende Aufgaben sollen möglichst gleichzeitig und jetzt erfüllt werden. In solchen Momenten fühle ich mich getrieben. Ich bin ganz bei den anderen und reagiere.

Zehn Minuten Stille

Mir hilft es, mich erst mal zehn Minuten zurückzuziehen, um bei mir anzukommen, weg von allen Medien und den Menschen. Vielleicht zünde ich eine Kerze an, schaue in die Flamme, bis ich mich wieder innerlich spüre, und lasse Worte aus dem irischen Gebetsbuch in mein Herz fallen und spreche sie ganz ruhig nach. Langsam spüre ich wieder mein Herz, die Anforderungen lösen sich, mein Atem wird tiefer und ruhiger. Ich fühle mich wieder zugehörig zu einer größeren Geschichte, in der ich Bedeutung habe. Es durchströmt mich Sinnhaftigkeit, ich fühle mich aufgerichtet, neue Kraft steigt auf und Ideen, wie ich den anstehenden Aufgaben begegnen kann. Mir ist bewusst, dass ich nicht allem gerecht werden kann, und ich fühle mich versöhnt mit meinen Grenzen.




Kommentare

Thomas Hofmann says

Liebe Ilona, ein wirklich schöner Artikel. Ich stimme Dir zu! Es kommt darauf an, mit sich selbst und Gott im Reinen zu sein....
Ich finde es daher wichtig anderen Menschen für das was sie tun (egal in welchem Maße) Wertschätzung und Anerkennung zum Ausdruck zu bringen. Das ermutigt denjenigen und hilft mir selber mein eigenes Handeln einzuordnen.

Silvia Dollenmeier says

Liebe Ilona, ein guter Text mit einer sinnvollen Empfehlung, mit dem Irischen Segensbuch zur Ruhe zu kommen.
Ebenso hilfreich sind auch die Psalmen aus der Bibel.
Ich selbst fühle mich "angekommen, bei mir zuhause" weil ich mich als ein von Gott geliebtes Kind weiss. Das gibt mir eine ganz einzigartige Identität, welche nicht von Leistungen abhängig ist.
Entspannung und Neuantrieb finde ich in der Natur, beim Spazieren oder auch bei Arbeiten in unserem Garten.